"doing gender" - Geschlecht als soziale Konstruktion

Gender als theoretischer Fachbegriff wurde in den 1980er Jahren eingeführt, um eine Unterscheidung des sozialen Geschlechts unabhängig vom biologischen Geschlecht benennen zu können. In der aktuellen Genderforschung hat sich der Begriff weiterentwickelt. Wenn heute davon die Rede ist, dass Geschlecht sozial konstruiert ist, wird auf den Prozess des "doing gender" Bezug genommen. "Doing gender" beschreibt die aktive Herstellung von Geschlecht durch Interaktion, durch unser Handeln. Das bedeutet, dass Weiblichkeit und Männlichkeit sozial gemacht sind und, mehr noch, dass auch die Existenz von genau zwei Geschlechtern sozial gemacht ist.

Die Einteilung von Menschen in männlich und weiblich ist - so sehr das auch dem Alltagswissen über Geschlecht widersprechen mag - nicht etwa natürlich, sondern wird kulturell hergestellt: unterschiedliche Kleidung, unterschiedliche Computerspiele, unterschiedliche Toiletten, unterschiedliche Vornamen, sogar unterschiedliche Rasiergeräte werden als selbstverständlich betrachtet, dabei sind sie vielmehr Beispiele für die aktive Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit. Auch mittels Make-up, Accessoires und Gesichtsbehaarung stellen wir Gender her - in Form unterschiedlicher Männlichkeiten und Weiblichkeiten.

 

Viele Unterschiede, die wir wahrnehmen, sind weniger "natürlich" als wir denken: die Tonlage unserer Stimme kann ganz weitgehend von uns beeinflusst werden, ob wir jemanden als willensstark oder zickig wahrnehmen hängt stark vom Geschlecht unseres Gegenübers ab und ob wir schnell und fehlerfrei Aufgaben zum räumlichen Denken lösen können, hat mehr damit zu tun, ob uns allbekannte Stereotype über die Fähigkeiten von Frauen und Männern Sicherheit geben oder verunsichern.  

 

Dass Geschlecht sozial konstruiert ist bedeutet nicht, dass es irrelevant oder beliebig ist, aber dass es nicht universal und unveränderbar ist - was ein Blick in verschiedene Kulturen und Epochen und sogar Jahrzehnte belegt. Ein theoretisch informiertes Verständnis von Gender als Fachbegriff ist die Grundlage für die tatsächliche Umsetzung von Chancengleichheit. Ohne gendertheoretische Reflektion laufen genderbezogene Interventionen Gefahr, bestehende Geschlechterverhältnisse eher zu verfestigen, als sie gerechter zu machen.